Der Optimist

2026-01-12

Wer auch immer Kritik äußert, muss sich darauf gefasst machen als "Pessimist" bezeichnet zu werden. Diese Unterstellung ist schädlich und dient meist dazu, den eigenen ignoranten Optimismus zu beschützen. Dieser zeichnet sich dadurch aus, dass einem Ding oder Konzept positive Eigenschaften zugeschrieben werden, die sich aus der Differenz zu einem ähnlichen Beispiel ergeben, ohne absolute oder innere Zustände zu betrachten.

Demnach könne man sich über den Status Quo ja nicht beschweren, da wir es im Vergleich zu der Situation in einem beliebigen Dritte-Welt Land hier ja “sehr gut” hätten.

Dieser Vergleich nach unten ermöglicht es dem Optimisten, sich mit beinahe jedem Umstand zufrieden zu geben und den Status Quo nicht nur am Leben zu halten, sondern auch eine Verschlechterung seiner Umstände in Kauf zu nehmen.

Durch diese Perspektive kann sich der Optimist der Verantwortung entziehen, einen Beitrag zu leisten, Missstände anzusprechen oder sich in irgendeiner Form zu beteiligen, denn solange es noch etwas unter ihm gibt, besteht kein Handlungsbedarf – es geht ihm ja gut.

Der Optimist verschafft sich Erleichterung indem er realisiert, dass er über jemand anderem steht – ja er erfreut sich daran, dass es jemanden gibt, der noch mehr leidet als er selbst und bemitleidet ihn gleichzeitig voller “Schuld”.

Der Optimist vergleicht mit dem Realen, mit dem was bereits existiert. Da er nur nach unten schaut, gibt es für ihn keine Ideale, kein Ziel, ihm reicht es zu wissen, dass er es besser hat als sein Nachbar. So predigt er, man solle doch gefälligst froh sein, dass man nur arm ist, man hätte ja auch arm und noch obdachlos dazu sein können.

Wird diese Denkweise nun gestört, indem nicht mit dem Schlechten verglichen wird, sondern ein Vergleich nach oben stattfindet, sieht sich der Optimist in seiner Perspektive gefährdet. Betrachte er diesen neuen Vergleich als valid, wäre dies ein Eingeständnis über den prekären Zustand in dem er sich selbst eigentlich befindet – er wäre einer absoluten Einordnung einen Schritt näher. So nützt nur die Verleugnung des Selbst und die Verleumdung des Kritikers, ihn zu brandmarken und vom Diskurs auszuschließen. Der böse Pessimist, mit dem nichts Gutes zu haben ist, dem alles missfällt, egal wie schön man es doch hat.

Dem Eingeständnis hinzu käme unweigerlich das vage Schuldgefühl, welches der Optimist internalisiert hat. Da er nur nach unten blickt und das Schlechte seine Referenz ist, sieht er jede persönliche Besserung als einen geschenkten Privileg, den er nicht verdient habe. Er hat es doch schon so gut, sich nun zu beschweren ist für ihn nichts weiter als ein Zeichen der Undankbarkeit und Arroganz, es sei doch angebracht, dankbar darüber zu sein, dass man es besser hat als jemand der schlechter dran ist als man selbst. Nur ist diese Schuld eigentlich eine Projektion, eine Ausrede vor sich selbst, denn es gibt kein echtes Mitleid mit dem Unterstellten, es gibt nur die abstrakte Idee, dass eine solche Person bemitleidenswert ist. Diese scheinbare moralische Aufrichtigkeit erlaubt es dem Optimisten seine Passivität gesellschaftsfähig, ja geradezu tugendhaft zu machen.

Seine Phantasie ist durch dieses “Schuldgefühl” nach oben beschränkt, eine Besserung des aktuellen Zustands ist dem Optimisten nicht per se fremd, aber es ist ihm unangenehm. So sagt ein hungernder Optimist nicht, dass er gar nicht mehr hungern wolle, ja, dass es ihm besser oder gar gut gehen soll – nein, er gibt sich mit seiner Situation zufrieden, es gibt schließlich jemanden, der noch mehr hungert als er. Diese Person schaffe es ja auch irgendwie, er selbst habe also keinen Grund sich zu beschweren.

Neben der Schuld gibt es jedoch noch einen anderen Fall. Wenn die aktuelle Situation das Resultat seiner eigenen Handlungen ist, will er den Abstand zu seinem Vergleichsubjekt wahren, indem er diesem eine Verbesserung vergönnt, es sei denn, diese Person investiere den gleichen oder mehr Aufwand wie er. So hat laut ihm die Putzkraft nicht mehr Gehalt verdient, da er trotz eines größeren wahrgenommenen Aufwands (Studium etc.) selbst nicht viel besser entlohnt wird. Es ist ihm fern zu fordern, dass sie beide mehr verdient hätten, ihm genügt der Abstand nach unten.

Es gibt nun eine Ausnahme, den Vergleich nach oben betreffend und das ist, wenn es um die Karriere geht. Ist die Anstrengung hart genug, so wird er eines Tages auch dort oben stehen, so zumindest der Glaube. Der Optimist wähnt sich schon an der Spitze, für ihn ist die Frage nicht ob, sondern wann. Er betrachtet diese Hierarchie aber nicht als Solche und setzt sich kritisch mit ihr auseinander, nein, für ihn ist sie ein Zeitstrahl seines Lebens, es ist für ihn bereits Realität, dies ist der Grund, warum ihm dieser Vergleich nach oben überhaupt möglich ist. Sollte sich im weiteren Verlauf seines Lebens allderdings herausstellen, dass er es doch nicht an die Spitze schafft, so kann er wieder nach unten schauen und sich “zufrieden geben”, das Problem bei sich selbst suchen.

Wäre all dies nur eine interne Methode eines solchen Menschen, mit den Schwierigkeiten des Lebens klar zu kommen – würde er es nicht nach außen tragen, dann gäbe es kein Problem. Nur ist dies nicht der Fall. Der Optimist sorgt stattdessen durch Duldung und Passivität für Verfall und Stagnation auf Kosten aller, ihm eingeschlossen. Mit dem Optimisten ist keine positive Verbesserung möglich, er würde sich solange zufrieden geben, bis er nichts schlechteres als Vergleich mehr finden kann, ja bis er bei dem angekommen ist, mit dem er immer vergleicht.

Es ist hingegen der sogenannte Pessimist, der Missstände erkennt und anspricht, sich eine bessere Welt vorstellen kann und diese herbeiführen möchte. Er ist somit vielmehr “Optimist” als derjenige, der jede Situation mit devoter Dankbarkeit akzeptiert und bereits aufgegeben hat.

All das heißt nicht, dass es keinen Raum für Lob oder eine gewisse persönliche Zufriedenheit geben darf, nur sollte diese keine erneute Verschlechterung relativieren, sondern als Grundlage für weitere Verbesserung fungieren. Außerdem ist zu erwähnen, dass nicht jede Form der Kritik automatisch Hilfreich ist.

Ob nun die Begriffe “Optimist” und “Pessimist” gut gewählt sind, ist zunächst nebensächlich, solange man den vom Optimisten verliehenen Titel des Pessimisten (er)tragen kann, ohne sich auf dessen Ebene herabziehen zu lassen, dann genau dies ist sein Modus Operandi. Ein Abstieg zum Kleinsten, Lethargischsten, Schlechtesten. Nicht das sollte das Ziel der Menschheit sein, sondern der kollektive Aufstieg zum Besseren. Als “Pessimist” seinen Wunsch zur Verbesserung dem der Akzeptanz unter Optimisten zu unterstellen, ist ein Verrat an sich selbst und der Menschheit als ganzem.